Transformation

In Blogbeiträgen lese ich von Freunden, die die Politik angehen und „Schuldige“ im Außen suchen, wenn der Wandel von Bewusstsein und Gesellschaft ins Stocken gerät. Wie ohnmächtig wir werden, wenn unser Einfluss begrenzt ist. Dabei steht Transformation uns allen offen. Ich bin chronisch krank – seit mehr als zwei Jahren und es hat noch keine Besserung gegeben. Ein Sog, das Leben, eine diagnostizierte Veränderung in meinem Blutbild, aufwallende Gefühle und scheinbare Sackgassen haben mein gewohntes Leben ausgelöscht. Der Wandel hat mich ergriffen und mitgerissen. Wandlung passiert in mir.

Ich versuche ein Jahr zu greifen – aber es gleitet mir aus den Händen. Die letzten zwei Jahre waren die Hölle – ein ständiger Kampf mit einer unter die Glieder schleichenden Müdigkeit, die oft nur ein Ziel kennt – das Bett. Jede Tätigkeit kostet Überwindung und jede Bewegung kostet eine Unmenge an Energie. Der Kontakt zu Menschen ist anstrengend, weil ich mich nur schwer konzentrieren kann. Dazu kommt Schwindel als ein ständiger Begleiter. Im Extremfall bekomme ich eine Drehschwindelattacke. In anderen schlimmen Momenten habe ich ein starkes Gefühl von Ohnmacht. Es kann passieren, dass selbst der solideste Untergrund unter meinen Füßen plötzlich nachgibt und mein Schuh einfach in den Boden gleitet. Diese plötzlichen Luftlöcher unter mir rühren von schlecht durchbluteten Gleichgewichtssensoren. Mein Körper ist seit den verordneten Aderlässen im Oktober 2015 auf Talfahrt – von einem stabilen Gesundheitszustand kann ich nicht mehr sprechen.

Seit Ende Dezember 2017 nehme ich nun ein Medikament. Die Medizin hat eingesehen, dass ich Aderlässe einfach nicht vertrage. Die Spritzen gebe ich mir einmal wöchentlich. Natürlich hat die Arznei Nebenwirkungen: grippeartige Fieberschübe und ein oft extremer Juckreiz stellen sich ein. Doch das alles nehme ich in Kauf, denn das erste Mal gibt es Worte, die der ersten Aussage eines Hämatologen, dass ich von nun an chronisch krank sei, entgegen stehen. Diese Worte heißen: Chance auf vollständige Remission. Es ist ein Greifen nach einem Strohhalm, wenn ich mich an den Medikamenten aufhänge. Das ist mir in den letzten Monaten klar geworden. Doch zunächst einmal bin ich froh, dass ich in den „Genuss“ dieser noch sehr neuen Behandlungsmethode komme. Der stärkste, gefühlte Effekt ist, dass mein Immunsystem aktiviert wird. Inzwischen gibt es in meinem Körper tatsächlich zwei Sorten von Stammzellen. Neben den gesunden Stammzellen habe ich auch  eine Vielzahl von genmutierte Stammzellen, die sich krebsartig vermehren. Die Frage nach dem: „Was ist gesund für mein System?“ stellt sich plötzlich und die Auseinandersetzung mit der „Terrorfront“ in meinem Inneren beschäftigt mich täglich.

Es ist noch zu früh, irgendwelche Aussagen über Besserung zu treffen. Die ersten Anzeichen dafür sollen nach drei bis vier Monaten sichtbar sein. Die Therapie ist erst einmal auf ein Jahr ausgelegt. Dem Erfahrungsbericht eines Betroffenen zu Folge hat er eine vollständige Remission nach vier Jahren erlebt.

Ich fühle mich gut aufgestellt, bin äußerst müde und kann nur kleine Spaziergänge machen, um ein bisschen Luft zu schnappen. Die meiste Zeit schlafe ich oder ruhe oder meditiere. Es hat sich ein Abstand zu meinem Körper eingestellt. Durch die vielen Symptome ist eine äußerst feine Wahrnehmung entstanden, was die unterschiedlichsten Gebiete dieser physischen Form anbelangt. Und doch ist zunehmend ein Gefühl von Desidentifikation entstanden. „Ich habe einen Körper“ trifft meine Wahrnehmung. Der großartige Schritt dabei ist, stärker denn je zu realisieren, dass mein Geist vollkommen frei ist.

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