Die fließende Natur aller Dinge

Sehr oft sprechen wir über Realität. Wenig machen wir uns Gedanken, was wir damit meinen. Sind es unsere Sinneseindrücke, unsere Wahrnehmungen, Glaubenssätze oder die Meinungen unserer Umwelt – eine Einverständniserklärung des Kollektivs.

Seit mehr als zwei Jahren steht mein Leben scheinbar still. Ständige Müdigkeit, Schwindelerscheinungen, ärztliche Behandlungen und starke Medikamente haben mein Gleichgewicht aus der Bahn geworfen und mich auf einen anderen Kurs gebracht: die Innenschau.

Immer deutlicher ist mir wie sich unser „Ego“ durch Wiederholungen auszeichnet. Täglich bestätigen wir unsere Selbstbilder durch immer wieder die gleichen Gedanken und Emotionen. Auch der Körper trägt mit seinen Hormoncocktails dazu bei, dass wir eine Art Identität spüren. Etwas scheint uns vertraut, manifest.

Durch die ständig neuen Behandlungen hat sich kein stabiler Zustand mehr bei mir eingestellt. Die einzige vorherrschende Identität in mir ist „der chronisch Kranke“. Mein soziales Ego hat viele Risse bekommen. Gleichzeitig hat mich eine ominöse Kraft nach Innen gezogen. Ich bin immer stärker zum Zeugen meiner Erfahrungen und Wahrnehmungen geworden.

Die letzte kraftvolle Erfahrung zeigte mir dann noch einmal die poröse Hülle meines einstigen Seins bevor ich spürte, dass sich meine Grenzen zum Auflösen anfingen und Platz machten für ganz eigene Erfahrungen.

Der Begriff des „Alleinsseins“ wird greifbar. Mein Bewusstsein steht klar in der Mitte. Immer noch gibt es starke Impulse aus der Vergangenheit, die mich handeln lassen. Sie fühlen sich aber jetzt wie losgelöst von einer Identität an. Es ist ein Raum der Klarheit. Vorurteile und Beurteilungen machen keinen Sinn. Alles ist wie es ist ohne großes Aufheben. Die Sinne wirken geschärft. Etwas ist pur und nackt. Klar treten Welten und Weltbilder in Erscheinung und erlöschen wieder vor dem Hintergrund der Ewigkeit. Das Substrat für diese Abbilder scheint unendlicher Raum zu sein. Eine möglich vorgestellte Schwärze weicht Dimensionen von Möglichkeiten. Die bloße Aufmerksamkeitsverlagerung hin auf ein bestimmtes Koordinatenpaar in Raum und Zeit kreiert „Realität“. Es ist ein Tanz – symbolisch ausgedrückt in der Bewegung der Weltentänzerin.

Ich stehe voller Staunen in diesem Fluss. Ich könnte agieren, aber ich tue es nicht. Ich betrachte das Kommen und Gehen. Ich fühle die Samen zukünftiger „Realitäten“. Es hat etwas Elektrisierendes und ist auch nur ein Begriff, der die Dynamik nicht fassen kann.

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