Allein mit mir und …

… Gott … meiner Innenwelt und einem Etwas, das ich immer weniger unter Kontrolle habe. Es ist ein Etwas, das mich an den Rand meiner Selbst führt.



Ich habe die Diagnose einer chronischen Krankheit bekommen. Es ist wie in einem Traum. Allerdings fehlt mir das Erwachen.

Ein Arzt sagt mir, dass etwas mit mir nicht stimmen soll. Dann bekomme ich zu hören, dass Behandlungsschritte eingeleitet werden. Es sei besser für mich, wenn ich nicht lange damit warte. Das Risiko von tödlichen Nebenerscheinungen wäre damit vermindert. Die Erkrankung sei chronisch. Ich würde sie bis zum Ende meines Lebens haben. Sie sei behandelbar. Möglicherweise würde ich Medikamente nehmen müssen.



Ein innerer Widerstand entsteht. Ich verweigere mich den Umständen und tue so, als ob alles beim Alten wäre.

Diese Selbstlüge funktioniert nicht lange. Meine Physis belehrt mich eines Besseren und schickt mich in die direkte Konfrontation mit Symptomen von Schwindel und Müdigkeit. Nichts – nichts ist mehr übrig von dem ich einmal war.

Vielleicht ist es auch die Behandlung selbst, die ich nicht vertrage. Es gibt Patienten mit dem gleichen Krankheitsbild, die anscheinend gut zurecht kommen mit den vorgenommenen Aderlässen. Bei mir ist es anders. Im Internet lese ich über Fälle, die Hautrötungen und Schwellungen bekommen. Es gibt wohl noch schlimmere Auswirkungen. Mir reicht es, zu sehen, wie ich mich in einer Abwärtsspirale bewege und trotz alternativer Behandlungen ohnmächtig zuschauen muss, wie sich mein Zustand verschlechtert.



Es beginnt ein Rückzug, den ich nicht mehr unter Kontrolle habe.

Zu diesem Zeit habe ich noch Kontakt zu Freunden und Menschen um mich herum. Ich fühle, dass ich jetzt alle meine Kräfte zusammen nehmen muss, um diese Situation zu bewältigen. So treffe ich mich weiter mit Menschen, reduziert, aber doch noch in Verbindung. Ich bekomme Ratschläge. Einige fangen zu beten an. Es fühlt sich an, wie wenn es noch eine Möglichkeit gäbe, das Steuer herum zu drehen. Doch es wird immer beschwerlicher, einen Bezug zur Außenwelt aufrecht zu erhalten. Mein Körper lässt es nicht zu. Ich kann mich immer weniger in großen Menschenmengen bewegen. Beim Einkaufen im Supermarkt überkommt mich dieses Gefühl der Benommenheit und des Schwindels noch stärker. Jedes Mal bin ich froh, wenn ich wieder aus dem Gebäude bin. Inzwischen meide ich Tische, an denen viele Leute sitzen. Ich sitze alleine beim Essen, weil ich damit beschäftigt bin, mich überhaupt aufrecht zu halten. Meine Partnerin geht arbeiten. Ich sitze daheim und spüre in mich hinein. Ich verstehe nicht. Es zieht mich einfach nach innen.



Meine Innernwelt hat mich eingenommen. Schon der Blick in das Gesicht eines anderen Menschen kostet Kraft. Die Außenwelt ist Anstrengung und diese gilt es zu vermeiden.

Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich mir nicht mehr erlauben kann, zu lange in der Präsenz eines anderen Menschen zu sitzen. Es tut weh. Es ist zu anstrengend. Es kostet zuviel Kraft. Ich habe nichts mehr zu geben. Die Welt der Geselligkeit und des Miteinanders, die Welt der intensiven Gespräche und der Zweisamkeit gehören der Vergangenheit an. In guten Zeiten kann ich telefonieren und ein Gespräch mit meiner Partnerin aufsuchen. Doch die Welt, die bleibt, ist meine Innenwelt und die fühlt sich immer leerer an. Aus den Gedanken und Gefühlen wird ein stiller See, in den ich blicke. Ich warte auf Bewegung. Ich lasse los und beginne zu phantasieren, aktiv zu kreieren. Die kleinen Aufgaben im Haushalt sind eine große Hilfe geworden. Sie halten mich in der Realität eines Körpers, der sehr, sehr geschwächt ist. Nach drei Jahren rückt die Aussicht auf Besserung in den Hintergrund.



Kann ich irgend einem Menschen erklären wie es mir geht?

Das Schlimmste ist, immer wieder feststellen zu müssen, dass es nicht möglich ist, diesen Zustand zu erklären. Der sehnliche Wunsch, mein Sein und mein Fühlen einem anderen nahe zu bringen, erweist sich als nicht machbar. Es ist unmöglich, die gesamte Tragweite zu spüren, die meinen Zustand ausmacht. Ich werde sehr, sehr demütig. Kann ich wahrnehmen und verstehen wie es anderen Kranken ergeht und wie sie sich fühlen. Ich spüre viel Mitgefühl in dieser Zeit und habe Ehrfurcht vor den Herausforderungen, denen sich Menschen stellen – Ehrfurcht davor, wie sie diese Herausforderungen meistern. Das gibt mir Auftrieb und schickt mich weiter auf meinem individuellem Weg. Das lässt mich weiter wachsen, hoffen und vertrauen. Das macht mir Mut, immer wieder neu zu denken, frisch zu fühlen, andere Entscheidungen zu treffen und dabei mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Es gibt Heilung. Es hat Sinn.



Es wird einsam um mich herum und eine neue Ebene der Wahrnehmung taucht in mir auf.

Ich bin allein mit mir und Gott. Es gibt da etwas Größeres, das in all dem, was mir widerfährt, nicht weg geht. Es ist Bewusstsein – klar und rein. Es ist ein Gefühl von Sein, ein Gefühl von Leben hinter der Bewegung im Außen, hinter den Gesrprächen mit anderen Menschen, hinter Job, Beziehung und Kindern. Es ist einfach. Es ist. Es ist nah und verständlich. Es ist gut und mitfühlend, liebend und neutral. Es ist offen und weit. Der Körper spielt eigentlich keine Rolle mehr und auch das Bild meiner Inkarnation verblasst. Es ist ein friedlicher Zustand, der sich nicht nach Tod anfühlt. Ich bin mir selbst genug. Niemandem muss ich mehr beweisen. Es ist gut, dass ich da bin.



Ein grosses Loslassen ergreift mich. Es gibt ein erklärtes Ziel: Zurück zur Quelle zu gelangen! Wer bin ich? Was will diese Quelle in mir und aus mir?

Meine Partnerin zieht sich immer weiter zurück. Wen hat sie auch schon vor sich? Ich bin nur noch eine Hülle meiner Selbst, der ich einmal war. Es ist schwierig geworden, einen Antrieb für äußere Aktivitäten zu finden. Depression ist es nicht. Ich stehe immer noch jeden Tag auf, verrichte meine Aufgaben in der Küche, versorge meine Partnerin mit warmen Mahlzeiten, habe Gespräche mit ihr so gut es geht. Zwischendurch bekomme ich Besuch von Freunden – das sind Außnahmen geworden und Höhepunkte in einer ungeahnten Innenschau. Hat sich Gleichgültigkeit eingeschlichen? Vielleicht ist Gleichmut das bessere Wort. Ich versuche zu geben, was ich kann und bemühe mich weiter, meinen Zustand zu verbessern. Alternative Methoden der Behandlung haben keinen Erfolg gezeigt. Jetzt bin ich bei Heilern. Ich habe die Therapie auch auf medizinischer Ebene geändert und beobachte erneut, wie sich meine gesamte Körperwahrnehmung, mein Blutbild und mein physischer Zustand ändert. Ich lerne jetzt, wie sich Müdigkeit von physischer Schwäche unterscheidet.

Ich bin noch am Leben. Ich bin bescheiden geworden. Ich bin dankbar für jede kleine Hilfe. Ich weiß jetzt, dass ich mehr bin als all das, was mir widerfährt und ich freue mich in nicht zu langer Zeit den Sinn von Allem zu erfahren.

Die Zukunft ist in diesem Moment schon wieder einen Schritt weiter. Was wird passieren?! Was für ein Abenteuer! Bitte – liebe Welt – vergib mir einfach nur, dass ich nicht mehr der alte Markus bin und erlaubt mir, diese größte Herausforderung in meinem Leben zu meistern, bevor ich wieder zur Verfügung stehe für Abenteuer, das sich Leben nennt – zusammen mit euch.