Friedenshof – „Arche“-Bewegung

Eine Gemeinschaft im stetigen Wandel

Meine Lebenspartnerin und ich haben die kleine Gemeinschaft des „Friedenshofs“ angeschrieben mit der Bitte, sie kennenlernen zu dürfen. Dabei erinnere ich mich noch gut an den Besuch der Findhorn-Lebensgemeinschaft im Norden von Schottland im vergangenen Jahr. Wir waren willkommen, an einem Workshop teilzunehmen. Als wir uns aber der Gemeinschaft weiter nähern wollten, habe ich herbe Absagen erhalten. Meine Krankheit ließe das nicht zu und ich sollte mir selbst überlegen, ob ich mit meinem physischen Zustand belastbar wäre.

Am „Friedenshof“ – der nichts mit einem Friedhof gemeinsam hat – wurden wir auf Anhieb herzlichst willkommen geheißen. Auch meine Erkrankung stellte keine Barriere zu den Menschen da und das war wohl der entscheidende Punkt, der mir äußerst positiv ins Auge fiel. Es gab Verständnis, sogar hier und da eine gute Portion Mitgefühl für meinen Zustand. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich als immer noch vollwertiger Mensch in die Runde aufgenommen wurde und mir die nötigen Ruhezeiten gönnen durfte, wenn mein körperlicher Zustand labiler wurde. Erst vor Kurzem war die kleine Gemeinschaft selbst schwer vom Schicksal getroffen worden. Zwei Männer fielen in kurzer Zeit hintereinander aus. Einer hatte einen Schlaganfall, der andere erlitt einen Burnout.

Wir haben Glück bei unserem ersten Besuch, da an diesem besonderen Tag ein Johannis-Feuer entzündet wird. Schon am Morgen haben die Mitglieder der Gemeinschaft ein Versprechen abgelegt, für ein weiteres Jahr ein tragender Teil des Lebensraums und der Verbindungen zu sein. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass eine Art Hochstimmung bei unserer Ankunft herrscht. Es sind noch mehr Gäste vor Ort und es gibt Kaffee und Kuchen. In Paaren springen wir mit einem Johannistrauß – einem Kräuterstrauß – über das Johannis-Feuer – mehrere Male. Dann gibt es ein großes Abendbuffet und Gespräche bis spät in die Nacht.

Wir werden die Gemeinschaft noch ein paar Mal in den letzten Monaten des Jahres besuchen. Wir haben viele fruchtbare Gespräche, kochen, essen und lachen miteinander. Wir lernen einen syrischen Arzt kennen, der gerade Deutsch lernt. Wir haben einen Disco-Abend und machen kleinere Spaziergänge im Umland. Es gibt Räume zum Meditieren und diesen wunderbaren Garten, der das Herz des Geländes ist und alle möglichen Blumen und Kräuter beherbergt. Diverse Filmabende runden unser Beisammensein ab.

Uns verbindet ein Geist. Es ist der Geist der Pilgerschaft. Im „Feuergebet“, das jeden Abend um eine Feuerstelle gesprochen wird, kommt dieser Geist zum Ausdruck. Ich habe es am Ende des Beitrags angehängt. Es ist das Gefühl von Fremde und Vergänglichkeit im Alltag, auf Reisen und daheim. Nichts ist beständig. Alles ist dem Wandel unterworfen. Und doch bricht und scheint das Leben hervor – überall wo man hinschaut.

Lanzo del Vasto: By © Community of the Ark of Lanza del Vasto. – Community of the Ark of Lanza del Vasto, CC BY-SA 3.0

Die „Anhänger“ dieser Bewegung, die im letzten Jahrhundert um den Gründer Lanza del Vasto in der Lebensgemeinschaft der „Arche“ in Frankreich entstand, fühlen sich auch einer größeren, weltweiten Gemeinschaft verbunden: der „Archegemeinschaft“. In den kommenden Monaten lerne ich einige dieser Menschen kennen. Sie lebten teilweise im und am Friedenshof, haben jetzt ihre eigenen Familien oder Hausgemeinschaften und alle eine sehr persönliche Geschichte mit der Bewegung – teilweise schon von Kindesbeinen an. Immer wieder unternehme ich den Versuch, mich einzuschwingen auf die Werte, die öffentlich ausgesprochen und diskutiert werden wie die Wichtigkeit von Handarbeit oder die angestrebte Selbstversorgung. Den Nerv der Bewegung treffe ich dabei nicht. Es gibt Regeln, die gerade am Friedenshof 2016 neu definiert wurden. Die Menschen sind gegenüber allen Glaubensrichtungen offen obwohl sich die Gründergeneration hauptsächlich im Christentum zu Hause sah. „Was also ist die Archegemeinschaft?“, frage ich Carsten – einen Mitgründer in Deutschland – noch einmal an seinem Geburtstag. „Das liese sich nicht so leicht sagen“, bekomme ich zur Antwort und so sitze ich ein paar Minuten später mit ihm und Jan – einem Mitbewohner – im Männerkreis und höre den Worten zu, die um Beschreibung ringen.

Klar wird am Ende, dass es sich wohl um ein Mysterium handeln müsse, das nicht nur im luftleeren Raum schweben würde, sondern durchaus auch greifbar sei. Und obwohl es nicht sichtbar wäre, so würden sich die Menschen, die es spüren in, seine Richtung aufmachen. „Dieses ‚Ja‘ zur Bewegung auf das Mysterium hin sei sicherlich eine erste Beschreibung“, erfahre ich.

Am Ende des Jahres haben wir die Äste eines Kirschbaums gestutzt. Wir haben immer wieder Fülle erfahren. Wir haben Gastfreundschaft erlebt. Wir haben Feste gefeiert. Wir haben Herzensverbindungen geschlossen. Wir haben Spaß gehabt. Wir haben das Schafgatter (im Bild) erneuert. Wir haben uns wiedergesehen. Wir haben uns wieder losgelassen. Und immer wieder war diese Freude da, dass es den Anderen gibt. So haben wir wohl alle das Gebet ums Feuer ein bisschen geteilt und gelebt:

Das Gebet ums Feuer

(nach Lanza del Vasto) – PDF

 

Wir alle sind Pilger und Fremde.

So lasst uns ein Feuer anzünden an der Kreuzung der Wege,

und uns dem Ewigen zuwenden.

Schließen wir den Kreis und errichten einen Tempel im Wind;

machen wir diesen beliebigen Ort zu einem Tempel.

 

Denn die Zeit ist gekommen, im Geist und in der Wahrheit zu beten,

Dank zu sagen, überall und jederzeit.

Halten wir inne in der Zeit,

schaffen wir eine Mitte in all der Finsternis um uns,

und seien wir der Gegenwart gegenwärtig.

Denn vergeblich jagten wir ihr nach,

dieser Gegenwart, all unsere Tage,

denn fern war sie uns in dem Augenblick, da sie war.

Jetzt ist sie da, die Gegenwart, vor unseren Augen, in unseren Herzen.

 

Das Feuer ist Gegenwart, flammend und leuchtend,

ist betende Gegenwart.

Das Feuer ist Opfer dessen, das brennt,

Wärme des Lebens und Freude der Augen.

 

Es ist der Tod der toten Dinge und ihre Rückkehr zum Licht.

Feuer der Freude!

Leiden und Freude, eines im andern.

Liebe ist Freude im Leiden.

Das Feuer ist Leben und Tod, einem im anderen.

Schein, der sich verzehrt und Wesen, das erscheint.

 

Lasst uns lobsingen in der Sprache des Feuers,

verständlich und klar allen Menschen!

Und ihr, die ihr vorbeizieht in der Weite der vier Winde,

kommt in unsere Runde und reicht uns die Hand.

 

Fache uns an, damit unser Gebet in Flammen emporsteigt,

damit unser Herz aus fürrem Holz und Dornengestrüpp

und sein kurz aufflackernder Lebensfunke

ein wenig dazu diene, deinen Glanz zu nähren!

 

Amen