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Eine Freundin bat mich, einen aktuellen Bericht meines Zustandes einzustellen. So will ich heute über euch schreiben.

Das letzte Mal habe ich euch darüber berichtet, wie das hoch gelobte medizinische System des 21. Jahrhunderts an seine Grenzen stößt.

Heute soll es über euch gehen. Ich hatte schon ein paar Male formuliert, wie schwer es mit fällt, Worte zu finden, um meine Situation zu beschreiben. Ich befinde mich im freien Fall. Die Ersparnisse laufen aus. Die Ärzte kommen nicht wirklich weiter. Ich bin auf mich selbst gestellt und funktioniere auf ca. 20% meiner üblichen Leistung.

Ohne meine Partnerin ginge mein Leben nicht mehr weiter. Wahrscheinlich würden sich auf Dauer neue Krebssymptome einstellen. Zu schnell fühle ich mich überlastet.

Als P. Ihren Aufruf auf „GoFundMe“ startete, war ich froh, dass sich jemand meiner annahm. Ehrlich gesagt wusste ich an diesem Punkt nicht mehr weiter. Ich hatte ein Telefonat mit E. Sie sagte mir, ich solle kommunizieren, wie es mir geht. Das tat ich per Email an wenige wirklich nahe Freunde.

Inzwischen lese ich täglich eure Ermutigungen per Email und Whatsapp. Ich verfolge das Anwachsen der Zuwendungen, die ihr mir zukommen lasst. Alles berührt mich zu tiefst. Ich fühle mich eingebettet in den Lebensstrom, der mir vorbestimmt ist. Ich fühle mich nicht allein. Immer noch bin ich mir bewusst, dass ich vieles selbst erledigen muss. E.M. würde sagen: „Jeder sorgt für sich“. Doch fühlt es sich um soviel anders an, wenn ich euren Rückhalt spüre. Es fühlt sich so sehr anders an, wenn ich spüre, dass ich und mein Sein noch auf diesem Planeten gewollt sind. Das machen alle eure Zuwendungen auf einer ganz tiefen Ebene mit mir.

Ich erinnere mich an eine buddhistische Belehrung. Da hieß es, dass alles miteinander verbunden ist. Jede Handlung und jedes Wort von uns hat Auswirkungen auf das grosse Ganze. Nassim Harramein hat das in seinem Film „Connected Universe (Verbundenes Universum)“ physikalisch untersucht. Er hat darin eine – meiner Meinung nach – bahnbrechende Entdeckung gemacht. Es gibt nur ein Bewusstsein. Alles von uns Erlebte wird schneller als es die Lichtgeschwindigkeit erlaubt im gesamten Kosmos verbreitet und verteilt. Es wird sozusagen wahrgenommen. Die Grenze zwischen ich und du verschwimmt und die Gotteserfahrung von „Ich bin, der ich bin“ gewinnt Bedeutung – wird erfahrbar. Ich fühle das jetzt täglich. Ich frage mich, was mein Sein Gutes für die Welt bringen kann. Ich frage mich, was Menschsein bedeutet. Ich frage mich, wie ein Mensch in all seiner Schwäche und Verletztlichkeit noch einen Wert hat in unserer modernen Zeit und Gesellschaft.

Viele von euch wissen, dass ich mir oft die Frage stelle, wohin die Menschheit steuert. Durch die langen Zeiten von Bettlägerigkeit und Arbeitsunfähigkeit sind diese Fragen stärker geworden. Vielleicht habe ich mich in der Vergangenheit in Sicherheit gewogen. Ich habe mir eingeredet, dass mich das gesellschaftliche System im Krankheitsfall tragen wird. Ich habe mir von Versicherungen viel versprochen. Ich habe der Werbung geglaubt. Wenn ich ehrlich bin, hat meine Seele schon damals anders empfunden. Sie hat mir gesagt, dass etwas nicht mehr stimmt. Sie hat mir zugeflüstert, dass diese Welt eine Scheinwelt ist und dass andere Gesetzmäßigkeiten wirken und zum Tragen kommen. Vielleicht hat sie in diesem Moment hinter eine Fassade geschaut, die wir alle spüren. Vielleicht kennen wir alle diese Maske, die sich vor uns präsentiert. Vielleicht spüren wir alle, dass das nicht die Realität ist. Vielleicht haben wir keine Zeit mehr hinzuspüren. Vielleicht sind wir mit unserem eigenen Leben schon vollkommen ausgebucht. Vielleicht läuft es einfach zu gut? Warum sich dann Gedanken machen über eine mögliche Zukunft oder den Menschen von Nebenan?

Die Adventszeit soll genau die Zeit sein, in der wir innenhalten und uns diese Fragen stellen. Natürlich wollen die Weihnachtsgeschenke eingetütet sein und auch der Gänsebraten ist bereits visualisiert. Die Kinder freuen sich. Ein bisschen Auszeit erhoffen wir uns … ein bisschen.

Gestern habe ich mit E. in den Staaten telefoniert. Er kümmert sich um seine Partnerin, die an Muskelschwund leidet und bereits weitere 7 Jahre überlebt hat. Er fragte mich, wie wir es schaffen könnten, diese Ausweglosigkeit der äußeren Umstände zu meistern. Ich hatte keine Antwort, fühle ich mich doch selbst oft in dieser Sackgasse. Doch wir sprachen miteinander und langsam dämmerte etwas zwischen uns. Wir kamen auf erstaunlich einfache Erkenntnisse:

  1. sind wir noch im Kontakt mit unserer Umwelt – richtig in Kontakt?
  2. sind wir noch mit dem Herz dabei?
  3. sind wir noch berührbar?
  4. sprechen wir noch aus einem Gefühl von Miteinander?
  5. muten wir uns noch zu?
  6. können wir uns noch verletzlich zeigen?
  7. erkennen wir den Wert eines anderen auch trotz fehlender Leistungsfähigkeit?
  8. kennen wir noch unseren Weg in dieser Welt und dem Leben an sich?
  9. sehen wir noch die kleinen Gesten eines anderen Menschen, der auf uns zugeht?
  10. bieten wir uns ebenfall an?
  11. fühlen wir uns allein gelassen?
  12. haben wir uns zurückgezogen?
  13. sehen wir unsere Macht, im kleinen Rahmen einen Unterschied zu machen?
  14. kommunizieren wir noch von Herz zu Herz?
  15. haben wir den Mut, die Dinge so zu konfrontieren, wie wir sie wahrnehmen?
  16. sind wir weiter offen, zu lernen?
  17. verhalten wir uns verantwortlich im Sinne unserer Menschlichkeit?

Täglich werden uns Nachrichten präsentiert, die ein ganz anderes Bild der Menschheit zeichnen. Es ist schwierig, sich dem Mechanismus der Meinungsmache zu entziehen. Überall prallen wir auf die gleichen Glaubenssätze, die die Menschlichkeit hintenan stellen. Ihr zeigt mir, dass wir alle noch miteinander ein grosses Spiel spielen: das Spiel eines Lebens, in dem wir die Hauptrolle haben – für uns und andere, für unsere Kinder und Kindeskinder. In diesem Spiel fühle ich Verbindung. Ich spüre neue Hoffnung keimen und sehe in eine Zukunft, die wieder menschenwürdig ist. Ihr seid ein Schlüssel für mich. Ihr seid schon diese neue Welt für mich, die ich tief in mir ins Licht treten sehe. Dafür danke ich euch!

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