von Mohamed Ali MHENNI (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Flüchtlinge und ihre Tragödie

Keiner verlässt seine Heimat

 

Niemand verlässt seine Heimat – es sei denn
dass seine Heimat das Maul eines Haies geworden ist.

Du rennst Richtung Grenze
und siehst: die ganze Stadt rennt wie du.

Deine Nachbarn rennen schneller
mit blutigem Atem in ihren Kehlen.

Der Junge, mit dem du zur Schule gegangen bist,
der dich schwindelig geküsst hat hinter der alten Zinnfabrik,
hält ein Gewehr größer als sein Körper.

Du verlässt dein Zuhause nur dann,
wenn dich deine Zuhause nicht mehr bleiben lässt.

Niemand verlässt sein Zuhause – es sei denn
dass dich dein Zuhause verfolgt,
Feuer unter den Füssen,
heißes Blut in deinem Bauch.

Niemals hast du daran gedacht, so etwas zu tun,
bis die Messerklinge Bedrohung in deinen Nacken
gebrannt hat
und auch dann noch hast du die Hymne
in deinem Atem getragen.

Du zerreißt deinen Ausweis in der Toilette eines Flughafens
weinst über jedes Mundstück große Papier,
das dir klar macht, dass du nicht mehr zurückgehen wirst.

Du musst verstehen,
dass niemand seine Kinder in ein Boot setzt
ohne dass das Wasser sicherer ist als das Land.

Niemand verbrennt seine Handflächen
unter Zügen
unter Gepäckstücken.

Niemand verbringt Tage und Nächte im Bauch eines Lasters
ernährt sich von Zeitungspapier bis die Kilometer gereist sind.
Das ist mehr wie eine bloße Reise.

Niemand klettert unter Absperrungen hindurch
niemand will geschlagen
bemitleidet werden.

Niemand wählt freiwillig Aufnahmelager
oder Leibesvisitationen bis auf die Haut
nach denen dein Körper mit Schmerzen zurückbleibt
oder sich im Gefängnis wiederfindet,
da das Gefängnis sicherer ist
als eine Stadt in Flammen
und ein Gefängniswärter pro Nacht
besser ist als ein Laster voller
Männer, die wie dein Vater aussehen.

Niemand kann das nehmen,
niemand kann das verdauen
keine menschliche Haut wäre stark genug.

Dieses
Geht heim Schwarze
Flüchtlinge
schmutzige Immigranten
Asylsuchende
die unserer Land aussaugen,
Neger, die ihre Hände ausstrecken,
die fremd riechen,
Wilde,
die es sich mit ihrem Land vermasselt haben,
um unseres jetzt durcheinander zu bringen.

Wie doch die Worte
das schmutzige Aussehen
einem den Rücken herunter rutschen können.

Vielleicht weil der Schlag weicher ist
als wenn dir ein Körperteil abgerissen wird

Oder die Worte süßer sind
als 14 Männer zwischen
deinen Beinen

Oder Beleidigungen leichter zu nehmen sind
leichter zu schlucken
als Bauschutt
Gräten
als der Körper deinen Kindes
in Stücken.

Ich möchte heim gehen
aber mein Heim ist der Rachen eines Haies.
Daheim ist der Lauf eines Gewehrs
und niemand würde sein Zuhause verlassen
außer dein Zuhause treibt dich an die Küste
außer dein Zuhause hat dir gesagt,
dass du deine Beine schwingen
deine Kleidung hinter dir lassen
durch die Wüste kriechen
das Meer durchwaten
ertrinken
dich in Sicherheit bringen
Hunger leiden
betteln
Stolz vergessen sollst.

Dein Überleben ist das Wichtigste.

Keiner verlässt sein Zuhause bevor dein Zuhause eine süße Stimme in deinen Ohren ist,
die dir sagt-
Geh‘ weg,
Renn‘ jetzt weg von mir.

Ich weiß nicht, was ich geworden bin
aber ich weiß, dass es irgendwo anders
sicherer ist als hier.

Ein Gedicht von Warsan Shire

Read the English version here:
http://gen.ecovillage.org/en/node/5835, http://www.tikkun.org/nextgen/24686, http://terranovavoice.tamera.org/2015/09/no-one-leaves-home/3890, https://anhsyxia.wordpress.com/2015/08/30/no-one-leaves-home/

Warsan Shire ist eine somalische Dichterin, in Kenia geboren, Schriftstellerin und Erzieherin, in London wohnend. 1988 geboren, hat Warsan ihre Arbeit umfangreich in ganz England und international vorgetragen. Vor kurzem gab es Lesungen in Südafrika, in Italien, Deutschland, Kanada, Nord-Amerika und Kenia. Ihr erste Buch mit dem Titel „Teaching my mother how to give birth“ (Flipped eye) wurde 2011 veröffentlicht. Ihre Gedichte wurden in Wasafiri, Magma und Poetry Review veröffentlicht sowie im Sammelband „Das Salz-Buch jüngerer Poeten“ (Salt, 2011). Derzeit ist sie die Redakteurin für Gedichte beim SPOOK Magazin. 2012 repräsentierte sie Somalia auf dem POETRY PARNASSUS, dem Festival von Dichtern aus aller Welt am Südufer in London. Ihre Gedichte wurden ins Italienische, Spanische und Portugiesische übersetzt. Warsan wurde 2013 einstimmig zur Gewinnerin des afrikanischen Dichtkunstpreises an der Brunel Universität in London ernannt.

Sie gibt international Workshops zum Thema: Über die Dichtkunst Erinnerungen erforschen, ihnen Stimme geben und Traumata heilen.

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