Bildcollage: Markus Werner / Pixabay /CC0

Krisenmanagement nach Plan

Die Bezeichnung einer Situation als Krise geht auf das lateinische Wort „crisis“ zurück. Wikipedia schreibt:

Ins Deutsche wurde das Wort von der lateinischen crisis entlehnt und ist seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar, erst in medizinischen Zusammenhängen vor allem fieberhafter Erkrankungen, wo es die sensibelste Krankheitsphase bezeichnete, der bei glücklichem Verlauf der Infektion eine Entfieberung innerhalb eines Tages folgte und die endgültige Krankheitsabwehr einläutete.

In den letzten Wochen hat uns eine Krise der Superlative ereilt. Wir alle spüren sie. Es vergeht kaum eine Minute, an dem nicht über das Corona-Virus berichtet wird. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Regierung und Wissenschaft an die Vernunft der Bevölkerung appellieren, die Gefährlichkeit des Krankheitserregers nicht zu unterschätzen. Drastische Schutzmaßnahmen gegen eine ungewollte Ansteckung sind einzuhalten. Das öffentliche Leben wird in vielen Ländern auf ein Minimum heruntergefahren. Ab dem 27.April gilt in Deutschland Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Läden. Bundeskanzlerin Merkel spricht von der größten Herausforderung seit dem 2.Weltkrieg. Ziel ist es, die Kapazitäten von Intensivstationen nachzurüsten, um bei komplizierten Krankheitsverläufen mit dem Coronavirus ärztliche Betreuung für alle Betroffenen anbieten zu können.

Vor der Koronakrise stand immer wieder die Klimakrise im Mittelpunkt der Debatte. Die Flüchtlingskrise hält schon ein paar Jahre an. 2008 rutschte die Welt in eine globale Finanzkrise. Die Liste kann leicht weitergeführt werden. Krisen sind Futter für die Berichterstattung unserer Nachrichtenkanäle. Auch in der Coronakrise lässt sich das beobachten. Der Fokus der Aufmerksamkeit spitzt sich zu auf nahezu ein Thema. Hintergrundberichte, Spezialsendungen und Einschätzungen von Reportern aus aller Welt zeigen die Wirkkraft einer Krise.

Etwas scheint sich unserer Kontrolle zu entziehen. Etwas erwartet eine Positionierung. Etwas erwartet Handlung. Dann gilt abzuwarten, was passiert. Die Krise ist genommen, wenn eine Gefahr abgewendet ist. Ursprünglich war das die Gefahr an einem Fieber zu sterben. Die Covid-19 Pandemie führt uns direkt an diese existentielle Grunderfahrung zurück. Sie lässt uns erkennen, dass wir verwundbar und letztlich sterblich sind. Wir bewegen uns derzeit auf einem schmalen Grad. Der Auseinandersetzung mit einer Ahnung von Endlichkeit steht eine mögliche Infektion durch ein unbekanntes Virus gegenüber. Wenn man an neue Forschungserkenntnisse glaubt, die postulieren, dass der Körper nicht zwischen einem gefühlten und visualisierten Ereignis und der tatsächlicher Situation unterscheiden kann, wird man früher oder später die intensive Beschäftigung mit der unbekannten Bedrohung evaluieren müssen. Viele vorerkrankte Menschen werden sich die Frage stellen: Bin ich ein Risikopatient? Wie gehe ich mit meinem Zigarettenkonsum um? Habe ich Angst vor meinem Tod?

Angst ist wohl eines der ersten Gefühle, das sich in Krisen einstellt. Angst mobilisiert in unserem Körper eine ganze Kaskade von Reaktionen. Entwicklungsgeschichtlich kennen wir drei Reaktionen, mit einer lebensbedrohlichen Situation umzugehen: die Flucht, den Totstellreflex und den Angriff. Wenn wir eine lebensbedrohliche Situation überwunden haben, kehrt unser Körper in den Normalzustand zurück. Wenn es in dieser Phase zu körperlichen oder seelischen Verletzungen kommt, spricht man von einem Trauma. Traumatische Erfahrungen können auch von Gruppen geteilt werden.

Laut einem Bericht der Zeit nahmen in Italien Panikattacken, Depressionen und Schlafstörungen zu. Die italienische Psychologin Castelletti mahnt:

Es ist ein kollektives Trauma, das sich aber mit der Aufhebung der Maßnahmen immer mehr zu einem individuellen Trauma verwandeln wird.

Quelle: Zeit – Coronavirus Hotline Italien

Die Gruppe der psychisch kranken Menschen wird laut Doris Griesser oft übersehen. Die soziale Isolation und das Aussetzen von Routinen während der Corona-Krise stelle für diese Personengruppe einen besondere Herausforderung dar, schreibt sie in der Zeitschrift DERSTANDARD.

Das ganze Ausmaß dieses tiefen Einschnitts in das Leben von Individuen und Gesellschaften wird sich erst noch herauskristallisieren. Bei Tieren haben Traumaforscher beobachtet, wie diese zu zittern beginnen und die Anspannung des Körpers durch eine Krisensituation förmlich abschütteln. Der menschliche Organismus kann ein Trauma über einen sehr langen Zeitraum „speichern“.

Eine erstaunliche Beobachtung konnte ich während einem Visionquest machen. Bei diesem schamanischen Ritual verbringt der Adept vier Tage und vier Nächte alleine, fastend und mit einer bloßen Plane vor Regen geschützt in der Wildnis. In einem Flusstal hatte ich meine Bleibe eingerichtet. Ich legte mich bei Sonnenuntergang schlafen. Mitten in der Nacht ließ mich der unbekannte Laut eines Tieres aufschrecken. Im Bruchteil einer Sekunde war ich hellwach. Ich orientierte mich blitzschnell und fand keine Gefahr. Nur wenige Augenblicke waren vergangen. Ich legte mich hin und schlief in kurzer Zeit ein. Noch heute erinnere ich mich an diese unmittelbare Erfahrung von Angst. Diese Angst fühlte sich lebendig an. Sie war live. Sie war real. Sie war unmittelbar. Sie hatte ihren Sinn. Da gab es nichts zu hinterfragen, nichts zu durchdenken. Nichts blieb davon übrig. Ich konnte mich darauf verlassen.

Ängste, die durch die Form unserer modernen Zivilisation entstehen, fühlen sich so anders an. So sind es nicht nur Krankheitserreger, die uns immer wieder in Schrecken versetzen. Als im Jahr 2011 ein Erdbeben die Reaktorblöcke des Kernkraftwerks im japanischen Fukushima beschädigte, war der Feind der Menschen vor Ort so unsichtbar wie ein Virus: die Radioaktivität. Ähnliches ereignete sich bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986, als Bürger aufgefordert wurden, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Immer wird abgewägt, ob eine akute Gefährdung hierzulande besteht. Es gibt Krisenforscher, die alle erdenklichen Szenarien durchspielen und sich vorbereiten auf den Ernstfall. Frank Roselieb sagt dazu in einem ARD-Interview zur Coronakrise:

Was gerade geschieht, ist nichts weiter, als dass die Politik ein Drehbuch abarbeitet. Dieses Drehbuch sieht vor, dass sich die Bundeskanzlerin am Anfang zurückhält und den Fachminister, also Jens Spahn, sprechen lässt. Phase eins: Aufklären. Phase zwei: der Appell. Jetzt sind wir in der Phase drei: das Anordnen.

Frank Roselieb, ARD 2020

Wir versuchen Krisenszenarien zu kontrollieren, Regierungen halten sich an vorgefertigte Pläne. Was im Vorfeld erarbeitet wurde, kann schnell in die Umsetzung gehen. Der Staat lenkt uns zu unserem eigenen Schutz nach modernsten Erkenntnissen durch staatliche Verordnungen. Die Regierung soll den Fachkreisen folgen. Erstaunlich ist es, zu sehen, wie schnell Staaten und schließlich sogar die ganze Welt auf ein globales Ereignis reagieren kann. Es sprengt die Vorstellungskraft, wenn man sich die Summen an Fördermitteln zusammenrechnet, die in Folge der wirtschaftlichen Einschnitte durch die Coronapandemie bereitgestellt werden.

Vorallem wird deutlich, dass wir global handeln können, wenn wir nur wollen. Das gibt Hoffnung für eine neuartige Begegnung mit dem Klimawandel.

Was werden wir tun nach „Corona“? Bisher arbeiten wir die Anforderungen einer Spirale von Krisen ab. Eine Krise löst die nächste Krise ab. Unsere Aufmerksamkeit bindet sich an das nächste Problem und aktiviert Energien, um die nächste Herausforderung zu nehmen. Eine weitere Liste von zu bewältigenden Aufgaben ist das Ergebnis. Endlose Gedanken kreisen um die Epizentren von fokussierten Problemherden und unsere Körper werden in eine Art Dauerstress versetzt im Angesicht der scheinbar ständigen Bedrohung von außen.

Möglicherweise steckt auch eine Art von Begeisterung in der Krise. Unserer Erzählungen in Büchern, Film und Fernsehen sind geprägt vom klassischen Bild des Helden und seinen Taten. Diese archetypische Reise wurde von dem Amerikaner Joseph Campbell in den Geschichten der Mythen als wiederkehrendes Erzählmuster entdeckt und erforscht. Christopher Vogler hat dieses Konzept für die Filmindustrie in Hollywood weiterentwickelt. Das Drehbuch liest sich einheitlich. Die Heldin unternimmt eine Heldenfahrt. Sie wird aufgefordert, ihr langweiliges Leben aufzugeben und sich auf eine Reise zu begeben. Sie wird auf zahlreiche Proben gestellt und begegnet an einem Höhepunkt der tiefsten Krise ihrem Gegner. Hier findet die entscheidende Prüfung statt. Die Heldin findet einen Schatz in der Konfrontation und bringt diesen zurück zu den Ihren.

Welche Lehren wir aus der Konfrontation mit der Pandemie als ganze Menschheit ziehen, bleibt abzuwarten. Genauso können wir uns den Schatz noch nicht vorstellen. Noch sind wir im Kampf begriffen. Erste Stimmen sprechen ahnend vom Aufblühen unserer Kreativität und der Ausweitung von Solidarität und Nachbarschaftshilfe. Zahlreiche Anleitungen zur Herstellung von Mundschutzmasken wurden im Internet verbreitet. Zu Hause wird wieder vermehrt Brot gebacken.

Am Ende werden wir auch diese Corona-Krise überwunden haben. Dann wünsche ich mir, dass wir zusammen einen Schatz gehoben haben und gemeinsam feiern können.

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